Russell


Russell
I
Russell
 
[rʌsl], englische Adelsfamilie, seit dem 15. Jahrhundert in Dorset nachweisbar; seit 1550 Inhaber des Adelstitels Bedford. - Bedeutende Vertreter:
 
 1) Bertrand Arthur William, 3. Earl Russell, britischer Logiker, Philosoph und Schriftsteller, * Trelleck (County Gwent) 18. 5. 1872, ✝ Plas Penrhyn (bei Penrhyndeudraeth, County Gwynedd) 2. 2. 1970, Enkel von 2). Russell studierte 1890-94 am Trinity College in Cambridge Mathematik und Philosophie (u. a. Bekanntschaft mit G. E. Moore). Als Resultat eines Studienaufenthalts in Deutschland (1895) erschien »German Social Democracy« (1896; deutsch »Die deutsche Sozialdemokratie«). 1910-16 war Russell als Dozent am Trinity College tätig (u. a. Freundschaft mit G. H. Hardy, der auch später für Russell Partei ergriff), eine Anstellung, die er aufgrund seines öffentlichen Eintretens für den Pazifismus verlor (1918 Verbüßung einer sechsmonatigen Haftstrafe). Später folgten zahlreiche Gastprofessuren; Russell lebte v. a. als Schriftsteller (u. a. schrieb er sehr erfolgreiche populärwissenschaftliche Bücher wie »The ABC of atoms«, 1923; deutsch »ABC der Atome«, und »The ABC of relativity«, 1925; deutsch »Das ABC der Relativitätstheorie«). 1927-32 betrieb er zusammen mit seiner zweiten Frau eine antiautoritär orientierte Privatschule (Beacon-Hill-Schule), wobei er von einer grundsätzlichen Lernfreude des Kindes ausging. 1944 wurde Russell rehabilitiert und zum Fellow des Trinity College ernannt.
 
Die ersten Arbeiten Russells galten der Philosophie der Mathematik, insbesondere der Geometrie. In seiner 1897 veröffentlichten Dissertation »An essay on the foundations of geometry« vertrat er in Anbetracht der gerade aufgekommenen nichteuklidischen Geometrie in modifizierter Form kantische Thesen, wobei er die Bedeutung der projektiven Geometrie hervorhob. Später entwickelte sich Russell (nicht zuletzt unter dem Einfluss von G. Peano) zu einem wichtigen Exponenten des Logizismus, was ihn u. a. in eine Serie von Auseinandersetzungen mit H. Poincaré verwickelte. Der Ausführung des logizistischen Programms sollten die 1910-13 erschienenen, zusammen mit A. N. Whitehead verfassten »Principia Mathematica« (3 Bände) dienen, was aber auch nach Meinung der Verfasser u. a. in Anbetracht des Reduzibilitätsaxioms nicht vollständig gelang. Die »Principia« versuchten darüber hinaus, die Antinomien (v. a. die russellsche Antinomie) mithilfe einer Typentheorie zu vermeiden, ein Ansatz, der in der mathematischen Grundlagenforschung auch heute noch von Bedeutung ist. In seiner »Introduction to mathematical philosophy« (1919; deutsch »Einführung in die mathematische Philosophie«) gab Russell eine allgemein verständliche Einführung in diesen Themenkreis.
 
Ein weiteres Verdienst des jungen Russell war es, mit seinem Buch »A critical exposition of the philosophy of Leibniz« (1900) im angelsächsischen Raum auf das weitgehend vergessene Werk von G. W. Leibniz aufmerksam gemacht zu haben. Russells philosophische Beiträge galten v. a. erkenntnistheoretischen und sprachphilosophischen Fragen. Sein Aufsatz »On denoting« (1905; deutsch »Über das Kennzeichnen«) gilt noch heute als Meisterwerk der Sprachanalyse und als erste bedeutende Arbeit zur Philosophie der idealen Sprache, welche die Umgangssprache mit der Logik und Mathematik entlehnten, formalen Methoden untersucht. Erkenntnistheoretisch vertrat Russell vorübergehend mit L. Wittgenstein den logischen Atomismus (»Philosophy of logical atomism«, 1918-19 veröffentlicht in »Monist«, Jahrgang 28-29). Die Wandlungen seiner Auffassungen hat Russell in »My philosophical development« (1959; deutsch »Philosophie. Die Entwicklung meines Denkens«) ausführlich dargestellt. In der 1945 erschienenen »History of western philosophy« (deutsch »Philosophie des Abendlandes«) brachte er seine originelle Sichtweise der Philosophiegeschichte und ihrer Beziehung zur Sozialgeschichte zum Ausdruck.
 
Russell erregte durch sein Eintreten gegen jegliche Art von Unterdrückung, für Pazifismus (»Unarmed victory«, 1953; deutsch »Sieg ohne Waffen«), Frauenstimmrecht und freie Sexualmoral immer wieder Anstoß. Die Zukunft der Menschheit angesichts der atomaren Bedrohung, auf die er schon sehr früh aufmerksam machte, wurde immer stärker Gegenstand seiner Aktivität (u. a. »Common sense and nuclear warfare«, 1959; »Prospects of industrial civilisation«, 1923; »Has man a future?«, 1961). Zusammen mit A. Einstein initiierte er die Pugwash-Bewegung, 1963 gründete er das B.-Russell-Friedensinstitut, und mit J.-P. Sartre rief er das »Vietnam-Tribunal« ins Leben (Russell-Tribunal). Russell erhielt viele Ehrungen, darunter 1950 den Nobelpreis für Literatur (für sein Buch »Marriage and morals«, 1929; deutsch »Ehe und Moral«).
 
 
Weitere Werke: The principles of mathematics (1903); The problems of philosophy (1911; deutsch Probleme der Philosophie); Roads to freedom. Socialism, anarchism and syndicalism (1918; deutsch Wege zur Freiheit. Sozialismus, Anarchismus, Syndikalismus); On education, especially in early childhood (1926); Why I am not a christian (1927; deutsch Warum ich kein Christ bin); The conquest of happiness (1930; deutsch Eroberung des Glücks); Education and social order (1932); Autobiography, 3 Bände (1967-69; deutsch Autobiographie).
 
Ausgaben: Die Philosophie des logischen Atomismus. Aufsatz zur Logik und Erkenntnistheorie, herausgegeben von J. Sinnreich (Neuausgabe 1979); Philosophische und politische Aufsätze, herausgegeben von U. Steinvorth (Neuausgabe 1980); Principia Mathematica (Neuausgabe 1986).
 
 
G. H. Hardy: B. R. and Trinity (London 1970);
 
The philosophy of B. R., hg. v. P. A. Schilpp (Le Salle, Ill., 41971);
 A. J. Ayer: B. R. (a. d. Engl., 1973);
 R. Crawshay-Williams: Begegnung mit B. R. (a. d. Engl., 1974);
 W. Martin: B. R. Eine Bibliogr. seiner Schrr., 1895-1976 (1981);
 R. W. Clark: B. R. Philosoph - Pazifist - Politiker (a. d. Engl., 1984);
 J. Frick: Menschenbild u. Erziehungsziel, pädagog. Theorie u. Praxis bei B. R. (1990).
 
 2) John, 1. Earl Russell (seit 1861), britischer Politiker, * London 18. 8. 1792, ✝ Pembroke Lodge (heute zu London) 28. 5. 1878, Großvater von 1); seit 1813 als Whig im Unterhaus, setzte sich seit 1819 für eine Parlamentsreform ein und befürwortete eine größere Toleranz gegenüber den Katholiken. Russell, maßgeblich am Zustandekommen der Reform Bill von 1832 beteiligt, war 1835-39 Innenminister und 1839-41 Kolonialminister, 1846-52 Premierminister, danach bis 1855 Führer des Unterhauses und Kabinettsmitglied. Als Außenminister (1852-53 und 1859-65) setzte er sich für die britische Neutralität im amerikanischen Sezessionskrieg ein und unterstützte 1864 vergeblich den dänischen Anspruch auf Schleswig-Holstein. 1865-66 war er erneut Premierminister, nach fehlgeschlagenen inneren Reformversuchen trat er zurück und überließ die Führung der Liberalen W. E. Gladstone.
 
 
J. Prest: Lord J. R. (London 1972).
II
Russell
 
[rʌsl],
 
 1) George Allan, amerikanischer Jazzmusiker (Pianist, Komponist), * Cincinnati (Ohio) 23. 6. 1923; begann als Schlagzeuger und arrangierte seit Anfang der 1940er-Jahre für die Orchester u. a. von A. Shaw, E. Hines und D. Gillespie. Verfasste 1953 mit »The lydian chromatic concept of tonal organization for improvisation« die wichtigste theoretische Schrift des modernen Jazz; auch Lehrtätigkeit (u. a. am New England Conservatory of Music in Boston).
 
 2) George William, Pseudonym AE, A. E. oder Æ (für englisch aeon »Ewigkeit«), irischer Schriftsteller, * Lurgan (Distrikt Armagh) 10. 4. 1867, ✝ Bournemouth (England) 17. 7. 1935; neben W. B. Yeats einer der führenden Vertreter der nationalen irischen Bewegungen in Literatur und bildender Kunst; war auch Maler. Er unterstützte die Gründung des Abbey Theatre in Dublin, war ab 1910 Herausgeber der Zeitschrift »The Irish Homestead«, die sich für die irische Kultur einsetzte, sowie ab 1923 der für einen irischen Freistaat kämpfenden Zeitung »Irish Statesman« (bis 1930). Er verfasste visionär-mythologische Lyrik und Versdramen sowie politische Essays und war ein wichtiger Förderer der jungen irischen Literatur.
 
Werke: Lyrik: Homeward (1894); The house of Titans (1934); Collected poems (1935).
 
Drama: Deirdre (1903).
 
 
H. Summerfield: The myriad-minded man. A biography of G. W. R., »A. E.« (Totowa, N. J., 1975).
 
 3) Henry Norris, amerikanischer Astronom, * Oyster Bay (N. Y.) 25. 10. 1877, ✝ Princeton (N. J.) 19. 2. 1957; war 1912-47 Direktor der Sternwarte und Professor in Princeton, seit 1921 auch wissenschaftlicher Mitarbeiter am Mount-Wilson-Observatorium. Er verfasste grundlegende Arbeiten über die Zustandsgrößen der Sterne und ihre Entwicklung (Hertzsprung-Russell-Diagramm), daneben Arbeiten über die Bestimmung der Bahnen von Doppelsternen, zur chemischen Zusammensetzung der Sonne sowie spektroskopische Untersuchungen, aus denen er (mit F. A. Saunders) die Russell-Saunders-Kopplung ableitete.
 
 4) Ken, britischer Filmregisseur, * Southampton 3. 7. 1927; zu seinem Werk gehören Künstler- und Komponistenfilme, Tanz- und Musikfilme; er drehte Fernsehdokumentationen für die BBC und arbeitete für das Musiktheater; seit 1963 auch Kinofilme.
 
Filme: Das Milliarden-Dollar-Gehirn (1967); Liebende Frauen (1969); Tschaikowsky - Genie und Wahnsinn (1970); Die Teufel (1970); Boyfriend (1971); Tommy (1974); Mahler (1974); Lisztomania (1975); Valentino (1976); Der Höllentrip (1980); Gothic (1986); Salomes letzter Tanz (1987); Der Biß der Schlangenfrau (1988); Der Regenbogen (1989); Die Hure (1991); Alice in Russialand (1993).
 
 
G. D. Philipps: K. R. (Boston, Mass., 1979).
 
 5) Morgan, amerikanischer Maler, * New York 25. 1. 1886, ✝ Broomall (Pa.) 29. 5. 1953; Wegbereiter der abstrakten Malerei in den USA. Russell entwickelte um 1912/13 mit Stanton MacDonald-Wright (* 1890, ✝ 1973) in Paris die Theorie des Synchronismus.

Universal-Lexikon. 2012.

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